familie

Brüssel 22.3.2016 – Beitrag ohne Fotos

Dieser Beitrag wird nun untypisch unbunt. Wie im letzten Beitrag zu unserem Irlandurlaub schon kurz notiert, wären wir am 22.3.2016 von Brüssel geflogen. Wir waren in Brüssel.

Bei der Planung, die sowieso recht spontan 3 Wochen vorher war, hat der Göttergatte festgestellt, dass Flüge von Brüssel nach Dublin extrem viel günstiger als aus Deutschland waren. Unser Urlaub sollte nicht so teuer werden, trotz Benzin und Parkgebühr haben wir viel Geld gespart. Ich hatte zwar schon im Februar beim Umstieg in den Eurostar in Brüssel ein sehr ungutes Gefühl, aber wir sagten uns, dass das doch der Flughafen sei und nicht der Bahnhof in der Innenstadt. Am Abend vor dem Abflug Morgens sprachen wir noch darüber, wann wir los müssten, der Mann war der Meinung, es gebe keinen Berufsverkehr und 3 Stunden würden dicke reichen. Ich sah das anders. Aber er entschied, dass das so passe. Wir fuhren also am 22. ganz früh Morgens los, unser Navi sagte die Ankunftszeit 7.51 im Parkhaus voraus. Er hatte am Abend noch das Parkhaus direkt am Terminal gebucht.

In Deutschland kamen wir aufgrund der Uhrzeit prima voran. In Belgien dann die ersten Staus und das Navi rückte die Ankunftszeit langsam weiter vor. Damit wir aktuelle Infos zur Verkehrslage bekommen, buchte ich schnell einen Datenpass für einen Tag für mein iPhone. Da es nahe Brüssel komplett dicht wir, entschieden wir uns, Landstraße zu fahren und von hinten an den Flughafen zu fahren. Mein iPhone lotste uns, das Navi wollte uns auf die Autobahn zurück schicken. Wir fuhren dann eine Weile parallel zum Flughafen, inzwischen war die Ankunftszeit eher 8.40. Dann stockte auch da der Verkehr, es war schon 8.20, es kam das erste Polizeiauto und zwei Krankenwagen an uns vorbei. Wir dachten, klar, ein Unfall weiter vorne, daher stockt es so. Dann kamen mehr Polizeiautos, mehr Krankenwagen, Feuerwehr. Wir dachten, oh, ein ganz schlimmer Unfall. Die Ankunftszeit auf dem Navi rückte weiter, nun auf nach 9 Uhr, wir näherten uns einer Stunde vor Abflug. Wir überlegten schon, dass ich mit den Kindern aussteige und einchecke, wenn wir ankommen, er parkt. Aber es ging nichts mehr. Mehr Rettungswagen, mehr Polizei. Die Ankunftszeit auf dem Navi rückte weiter, es wurde klar, den Flug kriegen wir nicht mehr. Wir fingen also an zu Streiten, dass es sehr wohl Berufsverkehr gebe und wieso wir nicht eher gefahren seien.

Dann kam eine WhatsApp der Studentin aus GöGas Büro „ist bei Euch alles in Ordnung?? Geht es Euch gut??!“, wir standen auf der Zubringerbrücke, ich schrieb zurück, nichts sei gut, wir würden den Flug verpassen. Als Antwort kam ein Screenshot von Spiegel Online. Terroranschlag in Brüssel Zaventem. Ab da standen wir eigentlich nur noch unter Schock und alles ist ein Film. Ich habe versucht, meine Eltern anzurufen, Netz ist schon zusammengebrochen, wer Whats App hatte, hat eine Nachricht bekommen und bei Facebook habe ich mich auch gemeldet. Belgisches Radio riet schon zu Social Media. Irgendwann kam ich durch, meine Mutter hat auch meinen Vater angerufen. Außerdem kamen diverse Rückmeldungen, was denn Brüssel mit uns zu tun habe, wir würden doch aus Düsseldorf fliegen. Nein? ankommende Anrufe gingen noch. Wir standen dort. Nun kamen neben noch mehr Feuerwehr und Polizei auch graue Wagen mit verdunkelten Scheiben. Wieder später kam die Presse, die mit Übertragungswagen auf dem Standstreifen vorbei rasten. Wir riefen bei Aer Lingus an, was wir tun sollten, die wussten nichts. Wir werden der Studentin vom GöGa ewig dankbar sein, sie hat das von Deutschland aus übernommen. Sie hat sich bis ins Headoffice in Dublin durchtelefoniert, um uns umzubuchen. Es klingt total bescheuert in der Situation, wir hatten aber drei Kinder im Auto, zwei von ihnen bekommen eben schon alles mit, der Große stellte Fragen und war besorgt, der Mittlere weinte, er wolle in den Urlaub. Wir hatten also nur die Möglichkeit, es auf sich beruhen lassen, Urlaub erledigt und die Kinder bekommen die volle Tragweite des Terrors auf ihr Leben mit oder wir versuchen, dass es für sie ein gutes Ende nimmt. Sie hat es wirklich geschafft, uns auf den Abendflug von Düsseldorf umzubuchen. Inzwischen waren wir auf dem direkten Zubringer/Autobahn. Menschen standen auf der Autobahn, aus Richtung Flughafen kamen Menschen über die Autobahn gerannt. Unser Baby brüllte vor Hunger. Wir wollten uns Dorf Zaventem abbiegen, aber das Militär ließ uns nicht. Es war alles abgeriegelt. Wir würden in die Gegenrichtung abgeleitet.

Wir wollten nur noch raus aus dem Land, man wusste nicht, was noch passiert. Inzwischen kamen die Meldungen aus der Metro. Mein Mann fuhr noch noch, er meinte, er hat nur ein Schild „Antwerpen“ gesehen und wusste, dahinter ist die Niederlande. Der Verkehr Richtung Brüssel ist zusammen gebrochen, bis zur Grenze standen die Autos in Gegenrichtung. Unsere Richtung war frei. Er meint, er wisse auch nicht mehr, wie schnell er gefahren sei, es sei ein Tunnelblick gewesen, nur weg dort. Unser Baby brüllte, der Mittlere weinte, er wolle sofort in den Urlaub und nicht erst nach Hause, der Große war schweigsam bis auf ein paar Fragen, die wir auch nicht beantworten konnten. Warum jemand so etwas tut? Ob auch Kinder verletzt oder tot seien?

In Holland direkt nach der Grenze haben wir angehalten. Die Grenze war übrigens komplett offen. So etwa 3 Stunden nach dem Anschlag. Keine Kontrolle, nicht mal jemand, der dort steht. Die Kinder haben essen bekommen und wir standen immer noch neben uns. Dass uns ein Stau und die ewige Verpeiltheit des Mannes das Leben retten.

Zuhause angekommen, habe ich erst mal den Kindern Nudeln gekocht, wir haben auf den iPads Nachrichten geschaut, Fernsehbilder wollten wir den Kindern nicht zumuten. Mein Mann ist schlafen gegangen, da klar war, dass wir in Dublin gegen 22 Uhr Ortszeit landen würden und Nachts irgendwann im Ferienhaus ankommen.

Wir sind frühzeitig nach Düsseldorf, da im Radio lange Schlangen und große Kontrollen angekündigt waren, die Sicherheitskontrolle war sehr leer und schnell. In Dublin holte uns der Kindersitzverleiher ab, er meinte, er habe meine Nachricht Mittags nicht verstanden, er dachte, wir hätten den Flug verpasst und kämen später, bis er ins Büro kam und Radio hörte. Der Autoverleiher hatte auch Mitleid und wir bekamen ein Auto im Parkhaus, nur eine Fahrstuhlfahrt entfernt. Nachts um halb 4 kamen wir in Kerry im Ferienhaus an. Ohne Essen, es war schon alles zu. Am nächsten Morgen war alles weit weg, so surreal.

Wir haben mehr als einen Schutzengel gehabt. Keine Frage, ich wünschte, es hätte überhaupt keinen Terroranschlag gegeben. Aber von allen schlimmen Szenarien hatten wir den bestmöglichen Ausgang. Was, wenn wir pünktlich und schon drin gewesen wären? Wir wären genau dort gewesen, wo es passiert ist. Es gibt Videoaufnahmen aus dem Parkhaus. Was, wenn wirklich der Mann das Auto geparkt hätte und wir getrennt gewesen wären? Was, wenn die Kinder das alles gesehen hätten? Man muss nicht physisch verletzt sein oder gar tot, um wirklich betroffen zu sein. Die Kinder wären doch psychisch am Ende gewesen. Und wir auch. Selbst, wenn wir nur im Parkhaus gewesen wären, man hätte mehr gesehen, wir wären dort nicht mehr weg gekommen, der Bahnverkehr wurde eingestellt. Wir hätten mit drei Kindern in einem Lager gesessen. Wir hätten zu denen gehören können, die mit drei kleinen Kindern über die Autobahn gerannt wären. Wir sind mit einem Schrecken davon gekommen. Der bei uns Eltern tief sitzt, aber unsere Kinder können weiter unbeschwert leben.

Und genau DAVOR fliehen die Flüchtlinge. Dem Terror, der in den Herkunftsländern zum Alltag gehört. Daher hat sich meine Einstellung #refugeeswelcome nicht geändert. Es sind sicher auch Terroristen darunter, radikalisierte Leute, die es rauszufiltern gilt. Aber eben ganz viele Menschen wie wir, die einfach nur im Sicherheit leben wollen.

Wir waren in Brüssel.

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