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Kinder und die Welt da draussen

Angeregt von dem tollen Blogbeitrag von Frau Raufuss  "mit Kindern reden. Wahrheit oder DuzziDuzziDu" denke ich grade darüber nach, wieviel Wahrheit vertragen Kinder und wieviel von der wahren Welt und teilweise auch schlimmen Dingen, sollte oder kann man teilen? Die "wieviel Information" Frage fängt natürlich schon bei Fragen an, wie, wo die Babys herkommen oder "wie heisst Deine äh äh Pipimaschine eigentlich? Du hast keinen Penis". Diese Fragen sind noch einfach zu beantworten, da muss man (ich) nur manchmal die innere Scheu überwinden und man trifft die Entscheidung, wieviel Information gut ist und wieviel dann doch zuviel. Aber letzere Frage stellt sich vermutlich immer, gleichzeitig will man umfangreich und ausreichend erklären. Unsere Kinder gucken seit einigen Monaten die Kindernachrichten "Logo" auf dem KiKa. Die Uhrzeit ist für unseren Rhythmus etwas zu spät, daher nehmen wir auf und sie gucken die Folge vom Vortag am frühen Abend. Logo erklärt mit kurzen Beiträgen und tollen Animationen kindgerecht, was in der Welt passiert, gute Dinge, aber eben auch schlimme. Es sind aber auch Themen dabei, vor denen ich meine Kinder am liebsten beschützen würde, Terror oder eben auch Leid und Hungersnöte. Die Welt ist eben nicht Bullerbü. Unser Großer ist Zweitklässler und 7 Jahre alt, der Mittlere ist 5 und beinahe schon Vorschulkind. Sie verfolgen die Nachrichten konzentriert und fordern sie inzwischen auch ein. Manchmal konsumieren sie einfach nur, manchmal stellen sie aber Fragen oder reden Tage später noch mal über das Gesehene oder wenden dort gelerntes Wissen an. In diesem Fall würde ich auch behaupten, Fernsehen bildet. Wir haben uns also für eine kindgerecht gestaltete Informationsschiene entschieden, die aber eben nicht von uns moderiert wird. Wir suchen die Themen nicht aus.

Die erste Situation, wo uns ohnehin keine Wahl mehr blieb, ob wir etwas sagen und ob sie es wissen "müssen", war Brüssel. Da waren sie direkt betroffen bzw. von den Folgen des Anschlags (unsere Erlebnisse findet Ihr hier), zum Glück haben sie ausser Polizei und Militär nichts gesehen. Der Mittlere (da knapp unter 4) hat es gar nicht erfasst. Der Große (da 6) aber eben schon. Da standen wir dann vor den Fragen, warum Menschen so etwas tun, ob auch Kinder gestorben sind, was die Terroristen eigentlich wollen und er war verständnislos, dass er dazu keine Nachrichten gucken durfte. Den Schock haben sie aber eben alle mitbekommen, wir Eltern waren auch neben der Spur. Besonders seit Brüssel geben wir uns extra große Mühe, eine Differenzierung mitzugeben, dass islamistische Terroristen nichts mit normalen Moslems zu tun haben, dass muslimische Mitschüler und Mit-Kindergartenkinder genauso leidtragend sind und sie und ihre Familien daran keine Schuld tragen. Leider hatte ich vor einem Jahr noch nie die Idee bzw. Anregung, sie Logo schauen zu lassen. So haben wir eben auch nur erklären können, dass es Terroristen sind und dass wir auch nicht verstehen können, warum Menschen so etwas tun und andere töten.

Diesen Mai gab es dann einen furchtbaren Vorfall, ein Suizid im Umfeld des Großen. Leider haben es die Kinder ohne Wissen der Eltern erfahren. Wir konnten nur danach auffangen und wieder war das Limit unser eigenes Verständnis. Warum bringt sich ein Mensch um? Warum kann eine Seele so krank sein, dass der Mensch sterben möchte? Die meiste Zeit bestand darin, da zu sein, einfach miteinander zu reden und da zu sein, auch, wenn das Gespräch teilweise in andere Richtungen driftete, wie es bei Kindern eben so ist. In unserem Fall hilft vielleicht auch ein wenig der Glaube an Gott und den Himmel. Trotzdem, alles Reden und Erklären hat nicht verhindert, dass er einen Tag einen körperlichen Zusammenbruch hatte und viele Abende nicht schlafen konnte. Denn wirklich nehmen können wir Eltern die Fakten nicht.

Bei unserem Mittleren beschütze ich doch noch etwas mehr, aber auch das wird weniger, er bekommt mehr mit und das ist auch gut so. Sie nehmen wahr, was in ihrer kleinen, eigentlich heilen Welt passiert. Ich kann mich gut erinnern, wie beim Großen mit etwa 3 das größte vorstellbare Problem war, dass die Eltern eines seiner Freunde getrennt waren. Unser KiGa ist noch heile Welt und sie sind sehr behütet, wirkliche Probleme sind da kaum merklich. Aber in der Schule wird die Welt dann anders. Mein Sohn bemerkte schnell, dass es Kinder gibt, die "nicht mal eine Regenjacke" haben, die immer die gleiche Kleidung tragen, die nicht alle Materialien für die Schule bekommen oder die nicht mal ein Frühstück mit bekommen. Das erschüttert ihn einerseits, dass nicht alle Kinder umsorgt und behütet sind, andererseits weiß er vieles in seinem Leben nun mehr zu schätzen und ihm wird die Ungerechtigkeit bewusst. Ich denke, allein das Bewusstsein der eigenen Privilegien ist ein Anfang, etwas verändern zu wollen und für ein soziales Bewusstsein. Seine Mitschüler sind alle sehr sozial, wenn ein Kind nichts zu Essen hat, gibt immer jemand etwas ab.

Unser Weg ist also die ersten Lebensjahre ganz beschützen und ihnen ihre heile Welt ohne Probleme lassen, wo es eben geht, aber mit zunehmender Reife und Bewusstsein führen wir sie an die Welt draussen heran. Oft lässt sich die Kollision ohnehin nicht vermeiden und Ereignisse stehen ausserhalb unseres Einflussbereichs. Wir Eltern können also "nur" da sein und begleiten. Belügen werden wir sie nicht, aber je nach Alter editieren wir die Fakten.

Wie macht Ihr das? Wie alt sind Eure Kinder und wieviel vom Weltgeschehen oder auch regionalen Nachrichten bekommen sie mit?

4 Kommentare zu „Kinder und die Welt da draussen

  1. Meine Große ist 5 und tagesaktuelle Geschehnisse erlebt sie mit. Schon vor 2 Jahren fragte sie bei Radionachrichten, ob da von Flüchtlingen oder von Griechenland die Rede sei. Ich versuche alles kindgerecht zu erklären, soweit es mir möglich ist. Schwiegermutter ist Lehrerin und sagt oft, dass die Große mehr Durchblick hat, als ihre Neuntklässler. Ich habe aber auch nicht das Gefühl, dass die Themen sie irgendwie belasten.

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    1. Unser Mittlerer ist weniger interessiert als der Große, der fragt auch seit vielen Jahren nach, inzwischen glaube ich wirklich, dass es Typsache ist, wieviel Interesse besteht und wer Fragen hat oder ob Kinder das Ausblenden. Es gibt auch Erwachsene ohne Interesse an Politik und der Welt. Aber beide verfolgen mit großem Interesse Logo.

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