Allgemein · erfahrung · ich · meinleben

#MeToo liest man grade überall – Nein sagen und Grenzen setzen

IMG_6369Grade ist der Hashtag #MeToo (engl. „ich auch“) überall zu sehen. Es geht um Aufmerksamkeit für sexuelle Belästigung und Übergriffe auf Frauen. Wer dies erlebt hat, ist aufgefordert, ebenfalls den Hashtag zu Posten. Eigentlich ist beinahe jede Frau betroffen, aber nur wenige berichten darüber. Einerseits will eben ohnehin nicht jede in die Öffentlichkeit, erst recht vermutlich noch weniger, wenn es über verbale oder physische Belästigung hinaus ging und im Bereich von Missbrauch und Vergewaltigung angekommen ist. Grenzen sind ohnehin oft schwimmend. Noch mehr habe ich aber den Eindruck, dass es so „normal“ und alltäglich ist, dass viele Frauen ganz abgestumpft sind und erst mal „ich nicht“ sagen, weil sie es nicht mehr wahr nehmen, als das, was es ist. Und was bedeutet das für unseren Umgang mit unseren Kindern?

So oft, wie es mir schon passiert ist, dass ein Mann meine Grenzen deutlich überschritten hat, so halte ich es für arg unwahrscheinlich, dass manche Frauen und Mädchen dies nie erlebt haben. Umso wichtiger ist es, Aufmerksamkeit zu schaffen und aufzuschreien, gemeinsam für mehr Sensibilität sorgen und unsere Kinder aufmerksam machen.

img_9222Es fängt bei dem simplen Wort „Nein“ an und dem Grundsatz „mein Körper gehört mir“ (im nächsten Schritt kommt noch die Würde dazu). Niemand darf jemanden ungefragt und ungewollt anfassen, natürlich gibt es Grenzbereiche, der Kinderarzt muss untersuchen können und Eltern wickeln. Aber da hört es auch auf. Fremde haben meine Kinder schon gar nicht anzufassen und auch ich und die Familie dürfen nicht Küssen oder Umarmen ohne Zustimmung des Kinds. Auch kleine Kinder machen nonverbal deutlich, was sie möchten oder nicht. Aber dies wird oft ignoriert, Grenzen werden konsequent überschritten, so dass das Gefühl für die eigenen Grenzen und die eigenen Rechte schon beginnt zu schwinden. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich dies von Anfang an gelehrt haben und das durchgezogen haben. Meine früheste Erinnerung an sowas ist im Kleinkindalter, wir waren auf einer Feier entfernterer Verwandtschaft. Ein fremder Mann (vermutlich mit mir verwandt, ich kannte ihn nicht) wollte mit mir Tanzen. Ich denke, ich war 2? Ich wollte nicht und sagte „nein“. Er hielt mich fest. Ich fing an zu weinen und nach meinen Eltern zu rufen. Mein Papa war so schnell da, ich habe erst kaum bemerkt, dass ich nun auf seinem Arm bin und hat mich weg getragen. Alle Erwachsenen haben über mich gelacht und gespottet. Der Mann wollte „doch nur tanzen“. Meine Eltern haben mich gelobt! Niemand dürfe mich anfassen und wenn ich „nein“ sage, gelte das. Das hat geprägt. Ich hoffe, dass ich meine Kinder genauso prägen kann. Unser Kindergarten handelt da genauso, unser Mittlerer wurde nicht gegen seinen Willen gewickelt. Sie fragen Kinder und wenn ein Kind „nein“ sagt, wird es nicht angefasst oder gar ausgezogen. Das finde ich so wichtig.

Als ich 12 oder 13 war, bin ich Morgens zur Schule gegangen. Mir kam ein Mann entgegen, der mich schon komisch unangenehm angrinste. Vor mir „stolperte“ er mit breitem Grinsen und griff mit beiden Händen an meine Brüste. Ich war verdammt nochmal ein KIND!? Und dieser widerliche Kerl greift mir an die Brust. Ich bin weinend nach Hause und meine Mutter brachte mich zur Schule. Außerdem war mir klar, das lasse ich mir nie wieder gefallen. Den Sexismus im Alltag brauche ich kaum erwähnen, was Mädchen angeblich nicht können oder sollen. Mit 18 war ich mit meinem damaligen Freund auf der Disko Schaumparty, er war auf der Toilette und ich wartete auf ihn. Da kam ein Typ und meinte, mir mit der Wasserpistole aus 10cm Abstand auf die Brust schießen zu müssen. Das tat richtig weh. Ich hab ihn gedreht und einmal zugeschlagen und „mach das nie wieder“ gebrüllt. Mein Ex war verwundert über den panischen wegrennenden Typen. Im Stadion beim Spiel griff mir ein vorher Rassistisches brüllendes A.loch an die Brust. Da sie in der Überzahl waren, 6 angetrunkene Kerle, und mein Ex und ich alleine, war meine Konsequenz nur „Finger weg!“ zu sagen und wir sind weit weg gegangen. Alle Männer drumherum fandens wohl witzig. Das sind wenige Vorfälle von vielen. Und nein „ey, mit den geilen Titten kannst Du Pornostar werden“ ist KEIN Kompliment.

IMG_8348Ich bin Jungsmama. Meine Söhne werden sowas weniger ausgeprägt erleben. Aber ich finde es in jedem Bereich wichtig, dass man sensibilisiert. Es darf sie keiner anfassen, aber auch ihnen versuche ich Respekt beizubringen, was die Grenzen anderer betrifft und dass sie ebenfalls niemanden anfassen. Wenn eine Frau knappe Kleidung trägt, ist das keine Aufforderung für unerwünschten Kontakt oder Übergriffe. „Victim Blaming“ (engl. Opfer beschuldigen) ist da das Stichwort. Keine Frau ist selbst Schuld. Man darf in jeder Situation noch „nein“ sagen. Auch im Freundeskreis hat man gewissen Abstand zu halten und es ist ein Unterschied, ob man jemanden platonisch knuddelt oder ob man an den Hintern greift. Natürlich gibts auch mal Missverständnisse, aber über die reden wir hier nicht, sondern über gezielte Verhaltensweisen und Übergriffe. Nur, weil ich hohe Absätze und kurze Röcke trage, bin ich kein Freiwild. Gucken erlaubt, aber ich will weder angefasst werden noch irgendwelche widerlichen Vorschläge kriegen.

Was mir auch auffällt, besonders in sozialen Medien, scheint für manche Leute eine Belästigung durch jemanden mit Migrationshintergrund „schlimmer“ zu sein als von Deutschen. Ich kann nur sagen, bisher waren alle Belästigungen, die ich erleben „durfte“ von akzentfrei sprechenden Männern, die ich zumindest aus der Situation als Deutsche vermuten würde. Jeder Übergriff ist schlimm. Sexuelle Gewalt ist leider in jeder Herkunft, Religion und Staatsangehörigkeit ein Thema. Momentan wird das Thema für Fremdenhass zusätzlich missbraucht.

Das Wichtigste finde ich, aufmerksam zu sein und seinen Kindern Grenzen zu lassen, die man auch selbst einhält. Unser 8-Jähriger duscht alleine und ich klopfe am Bad und frage, ob ich rein kann. Wenn sich ein Besucherkind umzieht, gehe ich raus. Lasst uns aber auch bei anderen nicht wegschauen. Wenn der Kumpel eine Frau belästigt, macht den Mund auf! Wenn eine Freundin sich bedrängt fühlt, sagt Ihr nicht, sie solle sich nicht anstellen, das sei „nichts“, es ist nicht NICHTS. Unsere Kinder erleben auch unsere Reaktionen und beziehen daraus ihre Norm. Es macht viel aus, wenn wir von klein auf den Kindern Respekt beibringen, Selfrespect aber eben auch für andere. Menschen haben Rechte, egal, ob sie Kind oder Erwachsener sind und ob Mädchen oder Junge. Sexuelle Gewalt beginnt nicht bei vollzogener Vergewaltigung.  Das Wort „nein“ ist der wichtigste Anfang, „nein“ sagen und ein „nein“ respektieren.

Ich hoffe, ich habe die richtigen Worte gefunden. Für konstruktive Kritik bin ich offen, daher ist dieser Text auch „work in Progress“ und wird ggf. weiter editiert und ergänzt.

Sensibilisiert Ihr Eure Kinder für ihre Rechte und Grenzen? Und habt Ihr selbst Belästigung erlebt #MeToo?  Oder ist das Ganze für Euch grad ein unnötiges Thema? 

Advertisements

7 Kommentare zu „#MeToo liest man grade überall – Nein sagen und Grenzen setzen

  1. Danke für deinen Text! Es sind persönliche Schilderungen, die mich bewegt haben. Insbesondere deine Sicht als Mutter zweier Jungs. Ich habe in der vergangen Woche einige Artikel und Kolumnen gelesen, die wertvolle Gedanken und Überlegungen enthalten haben. Letztendlich habe ich versucht, meine Erfahrungen und Gefühle aufzuschreiben. Vielleicht hast du Lust meinen Text zu lesen. Und – viel wichtiger – deine Eindrücke zu meinen Gedanken mit mir zu teilen.
    https://frauk.blog/2017/11/16/vor-dem-gerichtstermin-pruefe-ich-mein-erscheinungsbild-metoo/

    Gefällt 1 Person

  2. Ich berate ja Betroffene von häuslicher Gewalt und dazu gehört uU auch sexualisierte Gewalt. Deshalb finde ich die derzeit stattfindende Debatte gut und wichtig. Trotzdem möchte ich ergänzen, dass auch Männer betroffen sind. Wer im Osten schon mal auf einer Frauentag-Party war, weiß vermutlich, was ich meine. 😳 #metoo

    Gefällt 1 Person

  3. #Me too – das vorweg gleich mal erwähnt. Das hast du sehr schön geschrieben. Tja, wieso sich die Frauen nicht öffentlich bekennen… darauf habe ich die Antwort in soweit durchgespielt, dass ich auf Facebook und Co. ganz sicher keinen an meinen Erlebnissen teilhaben lasssen möchte. Das gehört da meines Erachtens nun wirklich nicht hin – das geht keinem was an. Aber meine Freunde, die wissen von meinen Erfahrungen schon eine Menge. Einzelheiten behalte ich für mich… mir fällt es wahnsinnig schwer, da ich in dem Moment die Ereignisse noch einmal Revue passieren lassen müsste, um sie zu erzählen. Und ich will sie nicht nochmals erleben. In Gedanken habe ich viele Übergriffe noch und nöcher durchdacht, es reicht nun. „Nein“ zu sagen, das konnte ich früher allerdings nicht – ich war wie gelähmt und wusste nicht wie ich aus der Nummer herauskomme. Das werfe ich mir heute vor. Daher, es ist immer leicht davon zu reden, das Frauen einfach „Nein“ sagen sollen. Jedoch schaffen es die Wenigsten, aber sie schämen sich später dafür und genau aus dem Grund reden sie nicht darüber. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Deinen Beitrag! Dass Nein sagen einfach ist, glaube ich nicht. Daher finde ich es so wichtig, Kindern in der Erziehung zu vermitteln, dass sie Rechte haben und sie keiner einfach anfassen darf und wie man „Nein“ sagt. Einzelheiten gehen keinen was an, das klingt sehr traumatisch bei Dir. Aber eben auch Belästigung ist ein „me too“. Ich glaube, es ist verbreiteter als man glauben möchte.

      Gefällt mir

      1. Ja, Kinder brauchen unbedingt die Rückendeckung ihrer Eltern – das ist extrem wichtig. Ich weiß nicht mehr, ob meine Eltern mir das vermittelt haben… ich glaube nicht. Aber vielleicht kam das auch zu spät, denn meinen ersten Übergiff erlebt ich mit 5 Jahren. Und eine Belästigung ist und bleibt eindeutig ein „me too“, da kann ich dir nur Recht geben.

        Gefällt 1 Person

      2. Dazu fällt mir nur ein Fluch ein. Fas ist mehr als übel. Und genau daher finde ich Sensibilisierung für dieses Thema wichtig. Meinen Eltern bin ich sehr dankbar dafür, dass mir das Nein und dass ich zähle beigebracht wurde. Bei unseren Kindern versuchen wir es auch, sie müssen niemanden umarmen oder küssen, uns auch nicht. Unser Kindergarten ist da auch wunderbar, weil sie eben auch so respektvoll mit den Kindern umgehen. Aber absolut sicher ist niemand, egal welches Geschlecht und welche Erziehung.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s