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Vorurteile über Diabetes – Klischees und Fragen

IMG_3308Schon bei meiner Diagnose 1999 erzählte mir der behandelnde Oberarzt, dass ich mir gute Nerven zulegen solle, da grade bei Diabetes so viele Menschen Halbwissen hätten und der Meinung seien, sie kennen sich mit Diabetes aus. Besonders unschön würde es mit medizinischem Personal, die dann aggressiv reagieren würden, wenn ich über meine Krankheit mehr wisse als sie. Diabetes scheint das Fachgebiet zu sein, wo alle lautstark mitreden, weil „meine Oma hatte genau das gleiche wie Du“. Über Diabetes sind so viele Vorurteile verbreitet und wenige Leute fragen nach, sondern man bekommt gern ungefragt „Informationen“. Ich bin Laie und schildere meine eigenen Erfahrungen, es ersetzt nicht den Besuch beim Arzt und ich kann keine Gewähr geben, dass alles medizinisch korrekt ist. 

„Meine Oma/Tante/Nachbarin hat die gleiche Krankheit wie Du und da reicht Diät!“

IMG_8635Das ist schon der erste Punkt, der einem immer wieder begegnet. Für die meisten Leute gibt es nur „den“ Diabetes. Dazu das passende Vorurteil „alt und dick“. Entsprechend wurde mir dann öfter gesagt „so dick bist Du doch gar nicht!“. Es gibt unterschiedliche Diabetestypen, am häufigsten verbreitet ist Typ2 Diabetes, früher „Altersdiabetes“ genannt, vereinfacht gesagt, eine Resistenz, das eigene Insulin reicht nicht aus. Oft (nicht immer!) reicht eine Gewichtsabnahme und Ernährungsumstellung, manchmal werden Tabletten benötigt und manchmal Insulin um (fast) symptomfrei zu leben. Außerdem sind nicht alle Typ2er „alt und dick“.  Einige Schwangere trifft ein Gestationsdiabetes, der auch unterschiedlich ausgeprägt sein kann, manche leben Diät und andere müssen Insulin spritzen. Auch hier stimmt das Vorurteil über Diabetes nicht zu, dass es nur „dicke und faule“ Schwangere treffe. Auch sportliche und sich gesund ernährende Frauen kann es treffen, da es hormonell bedingt ist. Dann gibt es noch meinen Diabetestyp, ich habe Typ1 Diabetes, vermutlich basiert der auf einem Gendefekt und mein Körper produziert gar kein Insulin. Daher bin ich absolut insulinabhängig und keine „Diät“ der Welt könnte mich heilen oder zumindest symptomfrei machen. Es ist also nicht „die gleiche“ Krankheit wie die Oma/Tante/Nachbarin, die mit Diät, Tabletten oder mit gelegentlich Insulin lebt. Ohne Insulin würde ich sterben. Typ1 Diabetiker sind übrigens oft bei der Diagnose schlank.

„Hast Du als Kind zuviel Süßigkeiten gegessen?“

IMG_3307Dieser Vorwurf betrifft dann eher meine Mutter und das zu unrecht. Bei der Diagnose war ich 20 und lebte noch Zuhause. Zuhause gibt es keinerlei Fertigprodukte als Mahlzeiten und die Ernährung ist durchweg gesund. Natürlich gab es auch mal Süßigkeiten, aber wenige und ich war bis zur Diagnose immer untergewichtig. In meiner Kindheit hatte meine Mutter eine wirkliche Vollwertphase und generell gab es viel Vollkorn und viel Obst und Gemüse. Einen Typ1 Diabetes kann man nicht wirklich verhindern, es gibt Studien/Versuche bei genetisch eindeutig prädisponierten Personen, aber bisher lässt sich ein Ausbruch nicht vermeiden* (* ich bin Laie!). Genauso kann man meinen Diabetes nicht mit „Diät“ behandeln. Ich brauche Insulin.

„Meine Oma nimmt Globuli/Zimtkapseln/Zauberpillen und der Diabetes ist weg, versuch das doch mal!“

Ich bin insulinabhängig.

„Jetzt musst Du immer Diät leben“

IMG_3581Nein, für Diabetes gelten die Vorgaben für gesunde Ernährung wie für jeden Gesunden auch. Sicher meidet man puren Zucker wie Saft oder normale Cola, aber eigentlich sollten auch gesunde solche Zuckerbomben nicht immer zu sich nehmen. Fettige Produkte gehen langsamer ins Blut und machen daher beim Blutzucker wenig Probleme. Mit Typ1 Diabetes ist auch eine Gewichtsabnahme nicht das Ziel.

Wenn ich Unterzucker habe, muss ich was zuckriges Essen, in der allgemeinen Wahrnehmung ist das Traubenzucker, ich bevorzuge Gummibärchen und co oder eben ein Glas Saft.

Nur in den Schwangerschaften habe ich pingelig auf das Essen geachtet, da der Blutzucker dann empfindlicher reagiert, bei mir jedenfalls.

„Du siehst gar nicht krank aus“

IMG_3616Das ist korrekt. Ich sehe ganz „normal“ aus. Vielleicht mal müde und wer im Sommer darauf achtet oder auf den Schlauch der Insulinpumpe, kann es sehen. Sonst sehe ich aber gesund aus. Ob mein Blutzucker grade super ist oder katastrophal bemerken die wenigsten Leute. Bei Unterzucker werde ich etwas zittrig oder schwitze, aber auch da sind die Symptome bei allen Menschen verschieden und hohen Blutzucker sieht einem keiner an. Im Umkehrschluss kann es aber auch heißen, dass es mir nicht gut geht, obwohl ich ganz normal aussehe.

„Im Fernsehen kriegen Diabetiker Anfälle und dann kommt der Arzt und spritzt Insulin“

Das ist echt ein Aufreger für mich. Allein diese Szene in den „Grünen Tomaten“, wo sich die Figur, die Julia Roberts spielt, die Haare zerwühlt und völlig ausflippt und dann Saft bekommt. So einen Unterzucker hatte ich nie, für mich sah das eher nach einem Anfall aus. Aber Diabetes? Nein, völlig absurd. Oder in deutschen Serien, wo ein Diabetiker umfällt und dann kommt der Held der Serie und spritzt Insulin. Das entspricht nicht wirklich der Realität. Mehr Insulin brauche ich, wenn mein Blutzucker zu hoch ist. Da falle ich aber nicht um. Erst bei sehr hohen Werten fühlt man sich schlecht, dann kann Übelkeit und Erbrechen kommen oder man gerät in eine Ketose. Aber da reicht es nicht, wenn der Held kommt, Insulin spritzt und nach 30 Sekunden geht es einem wieder gut. Das entspricht nicht der Realität. Auch bei Unterzucker fällt man eigentlich (solange man noch eine Wahrnehmung hat) nicht einfach um. In nun 19 Jahren mit Diabetes bin ich noch nie umgefallen und habe noch nie externe Hilfe bei einer Hypoglykämie gebraucht.

IMG_2185„Mit Diabetes kann man doch gar keine Kinder haben und wenn braucht man einen Kaiserschnitt“

Doch, kann man. Über meine Schwangerschaften und meine drei Kaiserschnitte habe ich geschrieben. Ich habe drei gesunde, wunderbare Kinder und dass ich Kaiserschnitte hatte, hat rein gar nichts mit dem Diabetes zu tun.

„Mit Diabetes kann man doch gar nicht normal Leben“ & „wie furchtbar“

Ich finde an meinem Leben so gar nichts „furchtbar“ oder „unnormal“. Mein Alltag ist ganz normal, eben dank meiner Insulinpumpe und der modernen Medizin. Inzwischen habe ich auch einen Sensor im Bauch, mich stören Katheter und Sensor nicht, sie machen mein Leben noch normaler. Die Insulinpumpe gibt das programmierte Basalinsulin ab und wenn ich esse, gebe ich extra Insulin ab. Meinen Sensor kalibrierte ich 2x am Tag und kann jederzeit auf einen Blick sehen, wie mein Blutzucker aktuell ist und in welche Richtung er sich bewegt. Das ist wirklich Luxus, weil man frühzeitig reagieren kann. Passend zu Sport oder einer Fahrradtour kann ich das Insulin auch prozentual reduzieren oder die Pumpe deaktivieren, sie stellt sich vor einem Unterzucker auch selbst ab. An meinem Leben ist eigentlich nichts anders, noch, ich habe das Glück, bisher keine Folgeerkrankungen zu haben. Natürlich muss ich regelmäßig zum Diabetologen (mind. 1x pro Quartal), immer Messen, auf mich achten und mind. 1x pro Jahr zum Augenarzt. Aber man gewöhnt sich an die Routine. Manchmal hat man in doofen Momenten einen Unterzucker oder vor Aufregung (Prüfungen) hohen Blutzucker, ja, das nervt, aber es gibt Schlimmeres.

„Warum gehst Du nicht zum Hausarzt, sondern zum Diabetologen, was macht der überhaupt?“

IMG_3617Zu meinem Glück habe ich in Deutschland das Recht auf einen Facharzt. Ich habe eine ganz tolle Praxis, zu der ich auch die etwa 40km pendle, weil die Fachkompetenz unheimlich hoch ist. Schließlich möchte ich noch sehr lange leben. Beim Diabetologen wird einmal pro Quartal im Labor Blut abgenommen, ich werde gewogen und der Blutdruck gemessen. Das Laborgerät misst meinen durchschnittlichen Blutzucker der letzten Wochen, das Hba1c. Meine Insulinpumpe wird mit allen Daten (Essensmengen, Blutzuckerspiegel etc.) eingelesen. Früher hatte ich ein Blutzuckertagebuch, wo ich meine Blutzuckerwert und das Essen und die Insulinmenge eintragen musste. Dann gehts zum Arzt oder der Diabetesberaterin, mind. einmal pro Jahr werden auch die Füße  auf Neuropathie untersucht (Stimmgabel, Abtasten, Wärme/Kälte) und die Einstichstellen am Bauch, ob sich Abszesse bilden. Der Diabetologe oder die Diabetesberaterin fragt, wie es mir geht, wir besprechen die Werte und Veränderungen der Therapie. Beim Diabetologen bin ich so etwa 10 Minuten, bei der Diabetesberaterin länger und wir gehen teilweise die Tage einzeln durch.

„Das ist ja furchtbar, dass Du eine Nadel im Bauch hast/7x am Tag spritzen musst!“

Auch da sage ich Nein. Dann anders als die konventionelle Insulintherapie, die meine Oma mit Typ2 Diabetes vor 30 Jahren hatte, kann ich normal leben und essen. Sie musste auf die Uhrzeit genau eine bestimmte Menge essen. Ich darf mal ausschlafen, selbst entscheiden, ob ich viel oder wenig Hunger habe und ob ich jetzt esse oder in einer Stunde. Außerdem kann ich ganz normal essen, also auch ein Stück Kuchen, weil ich geplant dafür Insulin spritze und die Mengen anpasse. Meine Oma hatte nur 2 Spritzen am Tag, aber ein Leben voller Verzicht und nach der Uhr.

Die Nadel in meinem Bauch ist aus Teflon und ich spüre davon nichts.

„Diabetiker müssen Diabetikerprodukte essen“

IMG_2028Auch das stimmt nicht. Einzig Cola light statt normaler Cola trifft bei mir zu. Wichtig ist, dass ich weiß, was in Produkten drin ist. Das funktioniert am besten bei selbstgemachten Sachen. Aber auch bei gekaufter Schokolade oder Pralinen sind Diabetikerprodukte weder gesünder noch sinnvoll. Es sei denn, der betroffene Diabetiker möchte die lieber essen. Alle Diabetologen, die ich bisher hatte, rieten zu ganz normaler Ernährung und keine speziellen Diabetikerprodukte zu kaufen.

„Diabetes bekommt man als Kind oder wenn man alt und dick ist“

Das dachte ich bis zu meiner Diagnose übrigens auch. Dass man Typ1 Diabetes entweder ab Geburt hat oder eben im Alter Typ2 Diabetes bekommt. Das ist falsch. Typ1 kann man in jeglichem Alter bekommen, ob mit 1, 20, 40 oder 60, egal, ob man schlank ist oder dick. Genauso gibt es inzwischen auch Kinder mit Typ2 Diabetes.

Habt Ihr noch Fragen? Ich beantworte Euch gern weitere Fragen zu Diabetes! 

 

 

 

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2 Kommentare zu „Vorurteile über Diabetes – Klischees und Fragen

    1. Das war bei meinem Hausarzt damals auch so. Zum Glück braucht man mit Typ1 heutzutage keine Überweisung mehr. Aber als er mit „den 5 Säulen der Diabetesbehandlung“ und „Diät“ anfing und allem widersprach, was der wirklich gute Oberarzt im KH gesagt hatte, reichte es mir. Ich verstehs auch nicht, Diabetologie ist wie Kardiologie etc. so ein komplexes Themengebiet und ein Allgemeinmediziner muss sowieso so viel abdecken und können, warum gibt man dann nicht an Experten ab? Der Hausarzt hat auch meine Mutter mit einem Nüchternwert von über 130mg/dl einen OGTT machen lassen, wozu meine Diabetesberaterin nur meinte, der Nüchternwert reiche eigentlich aus, da müsse man nicht noch den fiesen Test machen. Zum Glück habe ich inzwischen Ärzte, die Experten ihres Fachgebiets sind und die anderen Fachgebiete den jeweiligen Fachärzten grundsätzlich überlassen.

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