Wenn Träume zerstört werden – Fehlgeburt

Fehlgeburt – mein missed abort in der 11. Schwangerschaftswoche – Verlust – Trauer – Geschwisterkinder.

IMG_4872Dieser Text ist sehr persönlich, wie der Titel es sagt, geht es um meine Fehlgeburt, auch in Details, es gibt aber keine Bilder unseres Babys. Eigentlich dachte ich, dass ich nächste Woche eine freudige Überraschung verkünden kann. Völlig ungeplant und überraschend wurde ich mit unserem vierten Kind schwanger. Ungeplant, aber nicht ungewollt, wir haben uns riesig gefreut. Der erste Arztbesuch verlief prima, auch der zweite in der 9. Woche, alles absolut zeitgerecht. Wir haben es also den Kindern gesagt, die sich so freuten. Dann kam meine Lungenentzündung und parallel dazu ein ganz schlechtes Bauchgefühl. Und dann kam dieser Sonntag im April. 

Die Diagnose: Missed Abort

Mein Gefühl war schon länger nicht gut, wie eine Wolke, die über mir schwebte, dieses Gefühl, nichts zu kaufen fürs Baby, anders als bei den Großen, ich wollte meinen Geburtstag nicht feiern und auf keinen Fall Geschenke fürs Baby. Nur unsere engsten Freunde und die Ärzte wussten von der Schwangerschaft. Es gab nach Aussen hin keinen Grund zur Sorge. Bäuchlein, kleine Symptome, ich hatte bei keinem Kind Übelkeit oder ein Klischeesymptom. Diesmal war ich immer früh wach und hatte fettige Haare. Sonntags, Ende 11. Woche, kam eine leichte Blutung. Auf Anraten der Hebamme sind wir ins Krankenhaus gefahren. Die Assistenzärztin schallte und schallte und wir haben es selbst sofort gesehen, es sah zu klein aus (nach ihrer Messung) und es war kein Herzschlag zu sehen. Sie sagte dann, sie sehe keine Herzaktivität und hole die Oberärztin. Diese suchte auch mit dem Doppler. Nichts. Die Diagnose: Missed Abort. Es wurden meine Daten aufgenommen und Anästhesie besprochen, sie nahm Rücksprache mit dem Anästhesisten, der mich wegen meines Typ1 Diabetes definitiv stationär über Nacht aufnehmen wollte. Für einen natürlichen Abgang sei es zu spät und eben mit meiner Anamnese abzuraten.

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mein teures Einzelzimmer

Im Krankenhaus

Wir sind dann Montag Morgen ins Krankenhaus, wir haben uns für ein teures Einzelzimmer entschieden, ich hätte niemanden ertragen. Eigentlich war die OP für Mittags geplant. Normalerweise gibt es wohl eine Tablette, wegen meiner 3 Kaiserschnitte ein Zäpfchen zur Vorbereitung. Dann musste ich liegen und warten. Vormittags kam eine wunderbare Elternberaterin von den Sternenkindern. In diesem Krankenhaus zählen alle Babys, egal, wie früh sie versterben, alle werden gemeinsam beigesetzt. Ich durfte ein Nestchen aussuchen, worin es gebettet wird. Überhaupt war das ganze Team extrem einfühlsam und diese Frau von den Sternenkindern besonders.

IMG_4850Ich habe viel geweint und gleichzeitig gabs auch leichtere Momente. Anstrengend war, dass ich nichts essen und trinken durfte. Denn der Mittag verstrich, es wurde Nachmittag. Auf Nachfrage kam, dass die Ärzte in einer sehr großen und langen OP stecken. Inzwischen hatte ich wieder Blutungen und Schmerzen. Gegen 16 Uhr wurde ich zum OP gebracht, dort war aber kein Anästhesist. Dafür war eine der Schwestern eine Freundin aus meiner Kindheit. Ein weiterer Lichtblick an diesem Tag. Gegen 18 Uhr wurde ich wieder geholt, diesmal fehlte kurz der Oberarzt, ein weiterer Notfall. Ursprünglich wollte ich eine Spinalanästhesie, weil ich Angst vor der Vollnarkose hatte. Die Freundin beruhigte mich und ich hörte auf ihr Fachwissen. Man ist nur 5-10 Minuten weg und hat meistens keine Nebenwirkungen. Während des Wartens haben wir uns unterhalten, wieder ein beinahe normaler Moment. Dann ging es los, durch die Maske atmen. Ich wurde wieder wach und neben einem leicht beduselten Gefühl ging es mir körperlich super. Nach 15 Minuten und etwas trinken, war der Effekt weg. Dann konnte ich auch endlich etwas Essen. Denn über 24 Stunden ohne Essen ist ohnehin heftig, als Diabetikerin umso mehr. Es klingt albern, aber die kleinen Dinge waren besonders wichtig. Abends kamen noch kurz meine Kinder vorbei, es tat so gut, sie zu sehen und in den Arm zu nehmen.

Fehlgeburten als Tabu-Thema

Fehlgeburten sind irgendwie ein heftiges Tabu-Thema, dabei passiert es so vielen Frauen, ich habe verschiedene Statistiken gelesen, von 20%, 25% oder gar 50%. Auch unter meinen Freundinnen sind viele betroffen. Einige reden offen darüber, viele schweigen. Das kann natürlich jede handhaben, wie es ihr am besten tut. Vermutlich können auch einige nicht verstehen, dass ich von unserem Verlust hier offen schreibe. Für mich gehört es nun leider auch dazu zu meiner Biographie. Einige haben mich auch gebeten, darüber zu bloggen, eben weil sie sich total alleine und hilflos fühlten, als sie ihr Baby verloren haben.

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Schutzengel für alle unsere 4 Kinder

Die wunderbare Hilfe vom Sternenkinderteam

Heute Morgen (*Dienstag) kam noch mal die Mitarbeiterin der Sternenkinder zu einem Gespräch. Dann wurde ich eigentlich entlassen, wartete aber noch darauf, dass jemand den Zugang an meiner Hand entfernt. Plötzlich kam die Elternberaterin angelaufen, sie habe grade unser Baby erhalten, „sie“ sei „wunderschön“. Da unser Mittlerer so absolut überzeugt davon ist, ist es für uns ein Mädchen. Ob wir sie sehen möchten. Wir wollten gern. Sie sagte auch, dass man sich das schlimmer vorstelle, aber auch, dass es extrem selten sei, dass ein Baby völlig unversehrt zu ihnen käme, daher weiß ich nicht, ob es normal ist, dass man das Baby noch ansehen darf. Das Herz hat offenbar erst ganz kurz vorher aufgehört zu schlagen, nicht so früh wie gedacht, sie entsprach genau Mitte 11. Woche und war ein vollständiges, aber winziges Baby. Interessanterweise wusste sie direkt, welcher Arzt die OP durchgeführt haben muss. Wir durften Bilder machen und sie streicheln, also richtig Abschied nehmen. Natürlich kamen die Tränen, aber es war auch schön. Die Mitarbeiterin der Sternenkinder macht nun das Unmögliche möglich, unser Baby wird diese Woche mit beerdigt und nicht erst bei einem späteren Termin. Es ist in ein Nestchen gebettet und wir dürfen noch Dinge mitgeben, Fotos, ein Kuscheltier, es liegt dann zusammen mit allen anderen Sternenkindern.

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Abschied – sie liegt in ihrem Nestchen, von mir mit der Schleife geschlossen

Warum? Und was sagt man den Kindern?

Auf das „warum?“ wird es nie eine Antwort geben. Entweder sie hatte einen Gendefekt, so perfekt sie auch aussieht oder es war doch meine schwere Lungenentzündung. Wir wissen es nicht. Es ist aber keiner schuld an irgendwas. Ich habe selbst bei der Lungenentzündung nur das erlaubte Antibiotikum genommen und auf Schmerzmittel, Hustenstiller, alles verzichtet. Leider passieren Fehlgeburten auch, wenn man alles „richtig“ macht. Vielleicht war auch unser Baby zu krank, um leben zu können.

Mit das Härteste war, es unseren Kindern zu sagen. Der Mittlere möchte sofort ein neues Baby, sie stellen ganz viele Fragen. Aber bisher verkraften sie es besser als befürchtet. Der Mittlere hat heute den Namen ausgesucht. Wir haben auch einen Bogen bekommen, mit dem wir das Baby beim Standesamt anmelden können für unser Stammbuch. Es hat sich in den letzten Jahren zum Glück so viel getan. Bei späten Todgeburten kann man über die tolle, ehrenamtliche Initiative www.mein-sternenkind.eu einen kostenlosen Fotografen anfordern, die noch wirklich wunderbare Erinnerungsbilder des Babys machen. Die Beraterin vom Sternenkinderteam sagte auch, man solle Kindern die Wahrheit sagen, aber eben überlegen, was und wie man es sagt. Zum Beispiel nicht von „eingeschlafen“ sprechen, sonst könnten Kinder Angst vor dem Schlaf bekommen. Wir haben erklärt, dass es aufgehört hat zu wachsen und das Herzchen stehen geblieben sei. Sie einbeziehen, mit ihnen Reden und ihnen auch erklären, warum Mama und Papa grade traurig sind, dass sie nicht daran schuld sind. Das Baby bekommt einen Schutzengel mit, den gleichen Schutzengelanhänger haben die Brüder bekommen. Außerdem haben wir das Kettchen mit ihrem Namen bekommen, das sie zur Segnung bekommen hat.

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Das Sternenlicht hat uns eine wunderbare Freundin geschickt, damit die Jungs ihrer Schwester gute Nacht sagen können

Körperlich geht es mir wieder verblüffend normal. Nur mein Blutzucker hat noch nicht ganz mitbekommen, dass ich nicht mehr schwanger bin. Meine Seele wird noch eine Weile verarbeiten. Aber die Unterstützung, besonders von Frau S.-G. von den Sternenkindern war schon so viel wert. Allein, dass unser Baby zählt und würdevoll behandelt und beerdigt wird, macht es etwas leichter. Nun steht uns noch die Trauerfeier bevor und dann kann hoffentlich auch die Seele heilen. Aber jemand wird immer fehlen.

Wenn Ihr in der selben Lage seid, wünsche ich Euch, dass Euch Menschen auffangen. Ihr seid nicht alleine. Fragt bei Euch im Krankenhaus an oder googelt, sicher gibt es auch einen Sternenkinderverein bei Euch. Hier werden auch symbolische Beerdigungen angeboten, man kann also auch teilnehmen, wenn man das eigene Baby nicht beisetzen kann, auch im Nachhinein, Jahre später. Auch gibt es regelmäßige Treffen und Angebote. Ob Ihr Euer Baby in der 6. oder in der 12. oder gar als späte Fehlgeburt oder Todgeburt verliert, es zählt trotzdem jedes Baby und jede Trauer hat eine Berechtigung. Natürlich gibts immer ein „noch schlimmer“, aber das macht frühere Verluste nicht irrelevant. 

Wer betroffenen Familien helfen möchte, kann an seine örtliche Sternenkinder Initiative spenden, ohne diese Unterstützung wären wir noch tiefer in diesem Loch. 

 

23 Gedanken zu „Wenn Träume zerstört werden – Fehlgeburt“

    1. Das tut mir sehr leid, dass Du diese Erfahrung gleich zwei mal machen musstest. Ich finde grad einmal schlimm genug und ich weiß, dass es viele öfter trifft und auch teilweise viel später. Aber auch ganz früh ist es nicht weniger traurig.

  1. Ach, das tut mir so leid!!! Wir haben selbst zwei unserer Küstensternchen während der Schwangerschaft verloren. Gut, dass Ihr hilfreichen Beistand hattet und Euch angemessen von Eurem Kind verabschieden konntet <3

    Alles Liebe und viel Kraft
    Küstenmami

  2. So viele Gefühle und löst Dein Text bei mir aus: Trauer und Mitgefühl über euren Verlust, Verständnis und Nähe, weil ich das auch erlebt habe, Bewunderung für eure Kraft und eine kleine Freude, so unpassend das klingen mag, weil ihr bewusst Abschied nehmen konntet von der kleinen Schwester. Dein Text ist so wichtig, vor allem für die Eltern, die sich in so einer Erfahrung allein fühlen, und weil es eben leider doch immer noch ein Tabuthema ist. Mir selbst hat das Reden darüber auch am meisten geholfen, weil es das Baby so auch sichtbarere werden lässt und unvergessen macht. Alles Liebe für Dich und Deine Familie, die Dir viel Kraft geben möge. <3

  3. So viele Gefühle und löst Dein Text bei mir aus: Trauer und Mitgefühl über euren Verlust, Verständnis und Nähe, weil ich das auch erlebt habe, Bewunderung für eure Kraft und eine kleine Freude, so unpassend das klingen mag, weil ihr bewusst Abschied nehmen konntet von der kleinen Schwester. Dein Text ist so wichtig, vor allem für die Eltern, die sich in so einer Erfahrung allein fühlen, und weil es eben leider doch immer noch ein Tabuthema ist. Mir selbst hat das Reden darüber auch am meisten geholfen, weil es das Baby so auch sichtbarere werden lässt und unvergessen macht. Alles Liebe für Dich und Deine Familie, die Dir viel Kraft geben möge. ❤

  4. Ich habe eure Geschichte gelesen und bin tieftraurig. Es tut mir so wahnsinnig leid. Es ist so schwierig, dafür die richtigen Worte zu finden. Ich hoffe so sehr für euch, dass ihr bald wieder lachen könnt 🙁 Liebe Grüße!

  5. Ich danke Euch für die lieben Kommentare und Mails. Ich schaffe es nicht, auf alle einzeln einzugehen. Aber jede Nachricht wurde gelesen und hilft. Meine Hoffnung ist, dass das Tabuthema keins mehr ist und vielleicht einige sich weniger allein fühlen und besser wissen, wie sie mit Fehlgeburten im Umfeld umgehen können. Wobei natürlich jede Familie und jeder Mensch unterschiedlich ist.

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